„Wenn Wandel ruft – die Menopause als Zeit des inneren Erwachens“
- Tanja Filipcic-Mauerer
- 30. März
- 6 Min. Lesezeit
Wenn der Körper leiser, aber die Gefühle lauter werden – eine Einladung, dich selbst neu zu entdecken

Kennst du das? Du versuchst den ganzen Tag schon verzweifelt mit den Anforderungen des Alltags klar zu kommen, bist sowieso schon hundemüde, weil du nicht schlafen konntest. Plötzlich - wie aus dem nichts - kocht nicht nur die Suppe sondern auch alles andere in dir hoch. Du schwitzt, dir ist schlecht, du willst irgendetwas gegen die Wand schmeißen. Aggressionen, Wut, Traurigkeit. Es reicht. Du hast die Schnauze voll. Du schreist deine Kinder, deinen Mann, deine beste Freundin an. Du willst nur noch hier weg, niemanden mehr sehen. Vor allem dich selbst nicht mehr.
Minuten später sitzt du da und weinst. Weinst, weil du nicht weißt, was grad mit dir passiert. Weinst, weil es dir so furchtbar leid tut. Weil du dir selbst so furchtbar leid tust. Weil du dich nicht wieder erkennst. Weil du Angst hast. Angst vor der Zukunft. Vor dem was da noch kommt. Und weil du traurig bist, weil du diejenige vermisst, die du nicht mehr bist.
Dann gehst du los, voll Tatendrang. Machst Yoga, Qigong, holst dir Mönchspfeffer und drei Kombipräperate aus der Apotheke, besuchst eine Selbsthilfegruppe, lässt Handauflegen, Channeling und ziehst sogar eine Hormonersatztherapie in Betracht.....

Ich sitze oft mit Frauen zusammen, die sich genau wie ich in dieser Phase befinden. Die mir leise, manchmal fast entschuldigend erzählen: „Ich habe schon so vieles ausprobiert… aber nichts hat wirklich geholfen.“
Vielleicht erkennst du dich darin wieder. Vielleicht erlebst du diese Zeit - genauso wie wir und Millionen anderer Frauen - als ein Wechselbad – körperlich, emotional, seelisch. Hitzewallungen, unruhiger Schlaf, Gereiztheit oder das Gefühl, plötzlich nicht mehr „du selbst“ zu sein. Und gleichzeitig der Alltag: Termine, Familie, Verantwortung. Funktionieren, weitermachen, durchhalten.
Und manchmal fragst du dich leise: Was ist eigentlich mit mir passiert?
Die Frage nach dem Platz der Frau in der Menopause führt uns tief zurück – in eine Zeit, in der das Leben noch viel stärker im Rhythmus der Natur verstanden wurde.
Ich möchte dir dabei ehrlich und gleichzeitig achtsam begegnen: Es gibt kein einheitliches Bild „der Ahnen“. Vieles, was wir heute darüber hören, ist eine Mischung aus überlieferten Traditionen, einzelnen ethnologischen Beobachtungen und auch einer gewissen Sehnsucht unserer Zeit nach Sinn und Würde in diesem Übergang. Und doch zeigen viele Spuren: Diese Lebensphase hatte oft eine tiefere Bedeutung als nur „das Ende der Fruchtbarkeit“.
Die Frau jenseits der Blutung – frei von alten Rollen
In vielen frühen Gemeinschaften war die Fruchtbarkeit eng mit der Rolle der Frau verknüpft. Wenn die Blutungen aufhörten, veränderte sich nicht nur der Körper – sondern auch die gesellschaftliche Stellung.
Diese Frauen waren:
nicht mehr an Schwangerschaft und Kinderpflege gebunden
oft unabhängiger in ihren Entscheidungen
freier, sich anderen Aufgaben zuzuwenden
Man könnte sagen: Sie traten aus der Rolle der Gebärenden heraus – und hinein in die Rolle der Sehenden.

Hüterinnen von Wissen und Übergängen
Gerade in naturverbundenen Kulturen wurden ältere Frauen oft zu wichtigen Trägerinnen von Wissen:
Sie kannten Heilpflanzen und Rituale
Sie begleiteten Geburten – aber auch Abschiede
Sie waren Ratgeberinnen bei Konflikten
Sie hielten Geschichten, Mythen und Erfahrungen lebendig
In diesem Sinne waren sie nicht „alt“ im heutigen, abwertenden Sinn –sondern weise geworden durch gelebtes Leben.
Beispiele aus verschiedenen Kulturen
Indigene Kulturen Nordamerikas
Bei vielen indigenen Gemeinschaften wurden Frauen nach der Menopause als besonders kraftvoll angesehen.
Da sie nicht mehr menstruieren, galt ihre Energie als „nach innen gesammelt“ – klarer, unabhängiger.
Sie hatten oft eine Stimme im Rat und wurden als spirituelle Beraterinnen geschätzt.
Traditionelle afrikanische Gemeinschaften
In einigen Regionen (z. B. bei den Yoruba oder anderen westafrikanischen Kulturen) genießen ältere Frauen großen Respekt.
Sie werden als „Mütter der Gemeinschaft“ gesehen – Frauen, die durch Erfahrung führen und schützen.
Asiatische Perspektiven
In Teilen Asiens, z. B. in Japan, wird das Älterwerden traditionell stärker mit Würde verbunden.
Das Wort „Konenki“ für die Wechseljahre bedeutet eher „Jahreszeit der Erneuerung“ als „Krise“.
Ältere Frauen gelten hier oft als ruhiger, klarer und sozial bedeutsam.
Europäische, vorchristliche Vorstellungen
Auch in alten europäischen Traditionen finden wir die Idee der „weisen Alten“ –oft symbolisiert in der dreifachen Göttin:
die junge Frau (Maiden)
die Mutter (Mother)
die alte Weise (Crone)
Diese letzte Phase war verbunden mit:
Intuition
Rückzug nach innen
Weisheit jenseits des Sichtbaren
Erst später – mit gesellschaftlichen Veränderungen, Machtstrukturen und auch Angst vor weiblicher Unabhängigkeit – wurde dieses Bild oft verdrängt oder sogar ins Negative gekehrt (Stichwort „Hexenverfolgung“).

Und heute?
Heute stehen viele Frauen in dieser Phase zwischen zwei Welten:
einer modernen Gesellschaft, die Jugend und Leistung betont
und einer tiefen inneren Ahnung, dass diese Zeit mehr sein könnte
Vielleicht spürst du genau das: Dass da etwas in dir reifer wird. Klarer. Wahrhaftiger.
Eine Frage an dich
Welche Erfahrungen in deinem Leben sind zu deiner ganz eigenen Weisheit geworden?
Wo spürst du, dass du nicht mehr gefallen musst – sondern einfach du selbst sein darfst?
Was in dir möchte jetzt gehört werden, nachdem du so lange für andere da warst?
Eine sanfte Erinnerung
Du musst keine „weise Alte“ sein. Du musst nichts erfüllen.
Aber vielleicht darfst du beginnen, dich selbst anders zu sehen: nicht als Frau, bei der etwas endet –sondern als Frau, bei der sich etwas verdichtet.
Und genau darin liegt eine stille, kraftvolle Würde.
Eine Zeit des Wandels – kein Fehler, sondern ein Übergang
Ich sehe die Menopause nicht als Ende, sondern als Schwelle. Eine kraftvolle, oft herausfordernde Übergangszeit – naturspirituell gesprochen: ein Loslassen von dem, was nicht mehr zu dir gehört, und ein langsames Wieder-Ankommen bei dir selbst.
In der Natur ist der Herbst kein Verlust, sondern ein notwendiger Teil des Kreislaufs. Blätter fallen, damit neue Kraft im Verborgenen gesammelt werden kann.
Und genau so darf auch in dir etwas ruhiger, klarer, wahrhaftiger werden.

Wenn der Alltag schwer wird
Viele Frauen berichten mir von ähnlichen Momenten:
Du liegst nachts wach, während der Körper sich unruhig anfühlt und der Kopf nicht zur Ruhe kommt.
Im Gespräch mit anderen reagierst du schneller, gereizter, als du es von dir kennst – und es verunsichert dich.
Du hast das Gefühl, nicht mehr die gleiche Belastbarkeit zu haben wie früher.
Oder du spürst eine tiefe Müdigkeit – nicht nur körperlich, sondern auch emotional.
Und vielleicht fragst du dich dann: Bin ich noch leistungsfähig genug? Reiche ich noch aus?
Diese Fragen sind verständlich. Und gleichzeitig dürfen wir ihnen mit Mitgefühl begegnen – nicht mit Druck.
Eine Einladung zur Rückverbindung
Was wäre, wenn du dir in dieser Zeit nicht noch mehr zumutest –sondern beginnst, dir selbst zuzuhören?
Ein paar Fragen zur Reflexion:
Was brauche ich gerade wirklich – nicht gestern, nicht morgen, sondern jetzt?
Wo in meinem Alltag gehe ich über meine Grenzen – und warum?
Wann fühle ich mich verbunden mit mir – auch wenn es nur für einen Moment ist?
Was würde sich verändern, wenn ich mir erlaube, langsamer zu werden?

Waldbaden – eine sanfte Rückkehr zu dir selbst
Eine Möglichkeit, dich in dieser Zeit zu unterstützen, ist das Waldbaden – das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes.
Wenn du den Wald betrittst, geschieht etwas Besonderes: Dein Nervensystem darf herunterfahren. Die Geräusche werden leiser, der Atem ruhiger, der Körper beginnt, sich zu entspannen.
Der Wald urteilt nicht. Er verlangt nichts. Er ist einfach da – genau wie du sein darfst.
Vielleicht setzt du dich an einen Baum, spürst die Rinde unter deinen Händen. Vielleicht nimmst du bewusst den Duft von Erde und Moos wahr. Oder du gehst langsam, Schritt für Schritt, ohne Ziel, ohne Leistung.
Diese Einfachheit wirkt oft tief:
Stress kann sich lösen
innere Unruhe darf sich sortieren
und du kommst wieder in Kontakt mit deinem eigenen Rhythmus

Du darfst begleitet sein
Du musst diesen Weg nicht alleine gehen.
In meinen Kursen begleite ich Frauen genau in solchen Lebensphasen –mit Achtsamkeit, mit Raum für das, was da ist, und mit der Kraft der Natur als Verbündete.
Vielleicht spürst du beim Lesen ein leises Ja in dir. Ein Gefühl von: Ich möchte mir selbst wieder näherkommen.
Dann ist das kein Zufall.
Es ist ein Anfang.
Ein letzter Gedanke: Die Menopause ist nicht nur ein körperlicher Übergang. Sie ist auch eine Einladung, dich selbst tiefer kennenzulernen – jenseits von Rollen, Erwartungen und alten Mustern.
Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem du beginnst, dir selbst mit der gleichen Wärme zu begegnen, die du so oft anderen schenkst.








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