Hochsensibel – ein Trend oder eine Erinnerung?
- Tanja Filipcic-Mauerer
- 9. Apr.
- 5 Min. Lesezeit
In letzter Zeit begegnet mir das Thema Hochsensibilität wirklich überall. Artikel, Bücher, Podcasts, Social Media rauf und runter...… und ganz viele Menschen, die sich fragen: „Bin ich vielleicht auch hochsensibel?“
Und - ehrlich gesagt - ich spüre dabei zwei Dinge gleichzeitig.
Ein kleines Stirnrunzeln. Und ein tiefes inneres Nicken.
Denn ja – manches wirkt wie ein Hype. Und gleichzeitig liegt darin eine Wahrheit, die viel älter ist als jedes Wort dafür.

Wir haben zwei Bewegungen gleichzeitig:
Ein überreiztes System, das nach Erklärungen sucht
Und ein echtes Wiedererkennen von tiefer Sensibilität
Und die verschwimmen gerade miteinander.
Wenn ich auf uns Menschen schaue, dann wird eines ganz klar:
Wir waren nie dafür gemacht, stumpf durchs Leben zu gehen.
Im Gegenteil. Unser Überleben hing davon ab, fein zu spüren.
Ein Rascheln im Gebüsch. Eine Veränderung im Wind. Ein Blick in der Gruppe, der mehr sagte als tausend Worte.
Unser Körper war unser Kompass. Unser Nervensystem wach, durchlässig, verbunden.
Das, was wir heute oft „hochsensibel“ nennen, war damals kein besonderes Merkmal.
Es war schlicht: menschlich, normal und doch essenziell.
.
Und dann kam eine Welt, die ganz anders funktioniert.
Lauter. Schneller. Reizvoller. Kopflastiger.
Eine Welt, in der feines Spüren oft keinen Platz mehr hat –oder sogar als störend empfunden wird.
Und genau hier beginnt die Verwirrung.
Denn viele Menschen sind heute nicht unbedingt hochsensibel –sondern schlicht überreizt.
Ein Nervensystem, das nie zur Ruhe kommt, beginnt irgendwann, auf alles stärker zu reagieren.
Das fühlt sich dann an wie Sensibilität. Ist aber oft Überforderung.

Und gleichzeitig gibt es sie. Die Menschen, die schon immer so waren.
Die mehr wahrnehmen. Die tiefer fühlen. Die zwischen den Zeilen lesen, Stimmungen aufnehmen, Räume spüren, bevor ein Wort gesprochen wird.
Menschen, die früher vielleicht die gewesen wären, die am Feuer saßen und wussten. Die Pflanzen kannten. Die gespürt haben, was gebraucht wird.
Früher waren sie oft die Heilerinnen ,die Hüterinnen von Wissen.
Heute hätten viele von ihnen wahrscheinlich einfach geheißen: „zu sensibel“, „zu viel“, „zu emotional“.
Ich selbst gehöre dazu.
Und ich weiß: Das ist keine Modeerscheinung.
Es ist nicht nur ein „schneller überfordert sein“. Es ist ein tiefes Wahrnehmen der eigenen Befindlichkeiten und genauso auch derer der Menschen in meiner Gegenwart. . Ein offenes System. Ein ständiges Mitschwingen mit dem, was um mich rum ist.
Und ja – das kann anstrengend sein. Vor allem in einer Welt, die selten still ist.
Aber es ist auch ein Geschenk.
Denn genau darin liegt die Fähigkeit, sich wirklich zu verbinden.
Mit Menschen. Mit Momenten. Und vielleicht am stärksten: mit der Natur.

Vielleicht ist das, was wir gerade erleben, gar kein Hype.
Sondern ein Erinnern.
Ein Wiederentdecken von etwas, das wir lange weggedrückt haben.
Menschen beginnen wieder zu fühlen
Wir kommen aus einer Zeit, in der galt:
„Reiß dich zusammen“
„Sei nicht so empfindlich“
„Funktioniere einfach“
Jetzt passiert etwas Neues:
Menschen erlauben sich wieder, feiner zu spüren.
Und plötzlich merken viele: „Oh… ich nehme ja viel mehr wahr, als ich dachte.“
Das fühlt sich dann an wie „Ich bin hochsensibel“.
Aber vielleicht müssen wir lernen, zu unterscheiden:
Zwischen einem System, das erschöpft ist. Und einem System, das fein fühlt.
Und beides braucht etwas anderes.
Was wir wirklich brauchen
Zwischen einem System, das erschöpft ist…und einem System, das fein fühlt, liegt ein entscheidender Unterschied.
Denn so ähnlich es sich manchmal anfühlt –sie rufen nach etwas völlig anderem.

Ein erschöpftes System ist müde vom Zuviel.
Zu viele Reize. Zu viele Anforderungen. Zu wenig echte Pausen.
Es ist nicht „zu sensibel“. Es ist überlastet.
Was es braucht, ist vor allem: Regulation. Entlastung. Sicherheit.
Es darf runterfahren. Den Druck abgeben. Wieder lernen, dass nicht ständig etwas passieren muss.
Das geschieht nicht durch „noch mehr Input“, sondern durch Reduktion:
Stille statt Dauerbeschallung
Natur statt Bildschirm
langsame, monotone Bewegungen (Gehen, Atmen, Sitzen am Feuer)
einfache, klare Strukturen im Alltag
Und vor allem:
Erlaubnis, nichts leisten zu müssen.
Erst wenn dieses System sich wieder sicher fühlt, kann es beginnen, sich zu öffnen.

Ein fein fühlendes System ist nicht überfordert –es ist einfach weit.
Durchlässig. Aufnehmend. Tief verbunden.
Was es braucht, ist etwas anderes: Schutz. Bewusstsein. Bewusste Steuerung.
Nicht weniger Wahrnehmung –sondern einen guten Umgang damit.
Das bedeutet:
zu lernen, was „meins“ ist und was nicht
klare Grenzen zu setzen (auch energetisch, auch im Alltag)
bewusste Rückzugsräume zu schaffen
die eigene Sensibilität nicht als Schwäche, sondern als Fähigkeit zu sehen
Und vielleicht am wichtigsten:
Einen Ort zu haben, an dem dieses feine Spüren willkommen ist.

Und hier berühren sich beide
So unterschiedlich die Bedürfnisse auch sind –sie treffen sich an einem Ort:
In der Natur.
Denn sie kann beides:
Sie reguliert das erschöpfte System und sie hält das fein fühlende System, ohne es zu überfordern
Der Wald drängt nicht. Er bewertet nicht. Er überflutet nicht.
Er ist einfach da.
Und genau darin liegt seine Kraft.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, in welche Kategorie du fällst.
Sondern darum, ehrlich hinzuspüren:
Bin ich gerade erschöpft – oder bin ich offen?
Und dann dem eigenen System genau das zu geben, was es wirklich braucht.
Und vielleicht…
ist genau das der Grund, warum der Wald so gut tut.
Weil er beide Systeme willkommen heißt.
Weil er nichts von uns verlangt. Weil er uns nicht überflutet. Weil er uns wieder in einen Rhythmus bringt, den wir längst in uns tragen.
Und weil dort etwas in uns aufatmet, das im Alltag oft keinen Platz findet. Vielleicht geht es also gar nicht darum, herauszufinden, ob du „hochsensibel“ bist.
Sondern darum, dir wieder Räume zu erlauben, in denen du dich selbst spüren kannst.
So, wie du wirklich bist.

Kleine Übung: Erschöpft oder fein fühlend?
Nimm dir einen Moment. Vielleicht draußen. Vielleicht am offenen Fenster.
Atme einmal tief ein… und wieder aus.
Und dann stell dir ganz ehrlich diese Frage:
Wie geht es meinem System gerade wirklich?
Spüre in deinen Körper hinein:
Fühlst du dich eher unruhig, überladen, gereizt?
Hast du das Gefühl, alles ist „zu viel“ – Geräusche, Menschen, Gedanken?
Sehnst du dich nach Rückzug, nach Stille, nach einfach mal nichts?
👉 Dann ist dein System wahrscheinlich erschöpft.
Was dir jetzt gut tut, ist nicht noch mehr Input. Sondern weniger.
Vielleicht:
ein stiller Spaziergang ohne Ziel
barfuß auf der Erde stehen
dich an einen Baum lehnen
dein Handy bewusst weglegen
Nicht, um etwas zu erreichen. Sondern um wieder runterzufahren.
Oder…
fühlst du dich offen, weit, empfänglich?
nimmst du Stimmungen stark wahr, vielleicht auch die von anderen?
spürst du viel – manchmal fast zu viel – aber nicht unbedingt erschöpft?
👉 Dann bist du gerade in einem fein fühlenden Zustand.
Was dir jetzt gut tut, ist nicht Rückzug allein –sondern bewusste Führung deiner Wahrnehmung.
Vielleicht:
lege eine Hand auf dein Herz und spüre: Was gehört wirklich zu mir?
stelle dir vor, du bist sanft umhüllt, gut abgegrenzt
richte deine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Ruhiges in der Natur (z. B. ein Blatt, einen Baum, den Atem)
gönn dir Verbindung – aber in einem Rahmen, der sich sicher anfühlt
🌱 Zum Schluss
Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“. Kein besser, kein schlechter.
Beides darf da sein. Beides bist du.
Und vielleicht ist genau das der Schlüssel:
Nicht dich zu verändern –sondern dich besser zu verstehen.








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